Dienstag, 10. März 2009

Feuersbrunst, Langlauf, Stichsäge und das Zipfelmützenschweinchen

Bis jetzt schrieb ich immer viel von Unternehmungen und Reisen, auch in letzter Zeit erlebte ich viel. Erst war ich mit Stephie,Teresa, Zacharias in Schweden Ski fahren, dann kam Luise zu Besuch, wir waren in Oslo, dann kamen Anne und Johann, dann Judith mit einer Freundin. Wir waren auf Skiern unterwegs, in einer Hütte im Wald an einem zugefrorenen See, in Flåm und Gudvangen am Nærøyfjord, in Bergen, in Røros auf einem Markt mit vielen Leuten, vielen Pferden, vielen Pelzmänteln, viel Schnee und viel Kälte. Also viel zu viel, um hier alles detailliert zu schildern.

Das "Verhalten im Brandfall"-Schild in der Bergener Jugendherberge ist aber noch einen Blick wert (anklicken zum Vergrößern):

Nett, dass wenigstens erklärt wird, dass es sich bei einem "Feueriärm" um einen "Feuermelder" handelt. Aber wenn die Feuersbrunst erst einmal richtig in Gang ist, wird höchstwahrscheinlich sowieso automatisch die Feierwarnung ertönen. Und dann muss man schleunigst am Rettungstau heruntergleiten.


Judith und Christine vor der Hütte am See. Wer "A" sägt, muss auch "B" sägen.






Ein Blick auf den "Storfossen", den größten Wasserfall dieser Provinz



Luise und ich auf dem Gråkallen, Trondheims Stadt"berg"



Zacharias und ich beim Rückenwettrutschen auf dem Jonsvatnet



Luise, icke, Zachi und Teresa (von links; von rechts würde es außerdem "asereT dnu ihcaZ ,ekci ,esiuL" heißen)



das Zipfelmützenschweinchen und der große, böse Wolf




beim Skilanglauf hinterm Haus






auf einem See im Stadtwald

(Bilder 3,4,6,7,8,9,10,11 wurden zur Verfügung gestellt von Zacharias und Teresa)


Aber was geschieht hier in Trondheim, im Alltag außer Langlauf?

Neulich hatte ich das Vergnügen, zwei Mal mit in die "operasjonsstua" (also wörtlich "Operationsstube") zu dürfen. Lustigerweise ist es hier umgekehrt wie in Bayern, der Norweger schreibt "kirurg", spricht es aber "Chirürg" aus.
"Hallo, ich bin Inge.", sagte der 1. Assistent mit tiefer Stimme und frug, wo ich herkäme. "Eines der Dinge, die die Deutschen erst noch lernen müssen, ist", erklärte er mir, "dass 'Inge' ein Männername ist." Aber ich solle mir keine Sorgen machen, der zweite Assistent sei auch kein Norweger. Er war in der Tat ein Däne, schreibt also fast genau die gleiche Sprache wie Norweger, spricht sie aber, um es milde auszudrücken, pervers aus. Eine Kommilitonin hier erzählte mir einst, dass dänische Kinder nur ein Drittel des Wortschatzes norwegischer Kinder hätten, weil sie das Gelalle der Eltern nicht verstehen könnten. "Huulllkniv!", sagte der Däne zur Schwester, die ihn fragend ansah. Er versuchte es erneut, schön langsam: "H-uull-kniiiv!". "HÜDkniv!", übersetzte der Operateur, der verstand, dass der Däne sich wohl ein "hudkniv" (="Hautmesser"), also ein Skalpell wünschte, mit welchem er den Patienten zu traktieren gedachte. Und dann ging es auch schon los! Nach einem langen Hautschnitt wurden die Rippen mit einer Apparatur, die ich nicht mit Namen kannte, die aber absolut einer handwerklichen Stichsäge entsprach, mit viel Getöse vom Brustbein getrennt. Als nächstes bekam das Herz eine tödliche Dosis Gift injiziert, schließlich sollte es ja stehen bleiben, damit es sich vernünftig operieren lässt. Die Blutversorgung übernahm derweil eine große Herz-Lungen-Maschine, die von einem "Perfusionisten" bedient wurde. Es war eine sehr groteske Situation, dass der Anästhesist jetzt direkt mit dem Herzen sprechen konnte. "Entweder du verringerst dein Minutenvolumen ein bisschen, oder ich spritze was Gefäßerweiterndes!" -"Tut mir leid, bin schon beim minimalen Volumen, kann nicht noch weiter runterdrehen. Dann spritz eben dein Zeug!" Und alle erklärten uns Studenten bereitwillig, was sie taten! Auf zwei großen Flachbildschirmen konnten wir live mit den Augen des Operateurs sehen, Dank der Helmkamera an seiner Stirn. Ein großer Spaß für Jung und Alt. Nun, außer für den Patienten womöglich, aber der war ja betäubt, daher war es egal.

Hier in Norwegen gibt es nicht so viele Zivis wie in Deutschland, dafür Roboter, die in den Katakomben unter den Krankenhausgebäuden Wäschekörbe und andere Dinge durch die Gegend fahren. Sie können sogar Fahrstuhl fahren und so hoch auf die Bettenstationen gelangen! Im Prinzip sind es nur kleine fahrende Plattformen mit blinkenden gelben Lichtern, die ab und zu rufen, dass man aufpassen soll, weil jetzt der Roboter komme. Allein die Tatsache, dass die Dinger sprechen, rundlich sind und bunte Blinklichter haben, lassen selbst bei den Studentinnen, die hier schon seit drei Jahren studieren, immer noch Muttergefühle aufkommen. "Ja, hallo, mein Kleiner!", sagte Marianne aus meiner ehemaligen Gruppe mit betont hoher Stimme, als uns vor der Umkleide ein Roboter vor den Füßen stand, "ja, wie heißt du denn? Hast du viel zu tun heute?" -"Pass opp! Robot travelt på veien.", sagte der Roboter völlig ungerührt.


ein Roboter mit Container auf dem Rücken unterwegs im unterirdischen Irrgarten



einer der Automaten, der uns bereitwillig mit Frakks, Kitteln und Buksen versorgt

Montag, 12. Januar 2009

Frohes neues Jahr!

Jetzt ist also plötzlich 2009, ein ganz neues Jahr. Noch neuer als alle zuvor. Und lange ist es her, dass ich das letzte Mal schrob. Das liegt nicht etwa daran, dass es nichts Interessantes zu berichten gäbe, ich war bei Judith und Anja in Kopenhagen, stellte mich im Fach "Øre-Nese-Hals" meiner ersten mündlichen Prüfung auf Norwegisch, fuhr zum ersten mal mit Spikes-Reifen und bei -15°C Fahrrad, aß norwegische "Weihnachtsschweine" aus Marzipan und flog nach Deutschland, wo es warm und hell war. Viel mehr lag an meiner unheimlichen Faulheit. Das stellte schließlich schon mein Deutschlehrer Herr Backerra fest, "Der Torsten ist ja nicht dumm, aber stinkfaul!" Aber jetzt muss ich mich vor dem Lernen und meiner Hausarbeit drücken, daher finde ich wieder etwas Zeit zum Schreiben.



Die Geschichte beginnt am 27. abends, als ich von Berlin nach Trondheim flog und gegen Mitternacht wieder hier ankam. Das Stadtbild hatte sich arg gewandelt, der Schnee war fast rückstandslos getaut und gewaltige Eisflächen beherrschten das Gesichtsfeld. Mit 20kg Gepäck auf dem Rücken, 12kg vor dem Bauch, den Skistiefeln in der linken und meinen Skiern in der rechten Hand konnte ich das Adipositas-Gefühl live erleben, als ich mich vom 8er Bus in mein Heim bewegte. Nachdem ich erst gerne noch länger in Berlin geblieben wäre, erfreute ich mich bereits am nächsten Morgen meiner Rückkehr, als ich kurz vor 8 in Finsternis und Stille des Sonntagmorgens durch im Schimmer der Laternen glitzernde Eisfelder in die Stadt hinunterrollte, um Stefan und Tobi aus Berlin vom Bus aus Oslo abzuholen. Mit ihnen beiden sollte ich die nächsten 10 Tage hier verbringen.


Hatten viel Spaß hier! Guckten uns Trondheim an, wanderten in der Bymarka, dem Stadtwald, und fuhren am 30. mit einem Schnellboot über den Fjord, um auf der anderen Seite zu einer kleinen Hütte aufzusteigen, auf der wir Silvester feiern wollten. Hier machte uns der Schnee jedoch einen Strich durch die Rechnung. Obwohl auf Meereshöhe kaum noch welcher lag, war der Dezemberschnee auf über ca. 300m Höhe nicht geschmolzen und nachdem wir 4-5h gelaufen waren und dabei zum Teil über knietief im Schnee einsanken, beschlossen wir, zu kapitulieren. Immerhin brach die Dämmerung herein und wir hatten erst gut ein Drittel der Strecke geschafft. Also fuhren wir am 31.12. nach Oppdal, dem größten, aber im Verhältnis zu den Alpen durchaus beschaulichen Skigebiet Norwegens, ca. 120km südlich von Trondheim. Hier hatten wir glücklicherweise ganz spontan eine luxoriöse Campinghütte bekommen, es gab eine Heizung, Strom und sogar eine Herdplatte direkt in der Hütte. So kochten wir unsere Kartoffeln, erzählten uns Geschichten von den alten Tagen, warfen uns zum Abhärten nackig in den Schnee, spielten Karten und erwarteten das neue Jahr. Gegen 23.50 ging dann das Feuerwerk im sonst stillen, eingeschneiten Tal los und erreichte seinen Höhepunkt gegen 23.55. In Tobias' kleinen Fahrradradio Radio lief auf "Radio Norge" keinerlei Moderation, nur die ganz gewöhnliche "Musikk fra de siste fire tiår". So beschlossen wir, die wir auf der Bank vor unserer Hütte im Schneetreiben saßen, dass nun Neujahr sei und stießen mit Wein und Wasser an. Prosit Neujahr! Und "skål".
Noch ein paar Raketen flogen, ein paar Detonationen hörte man entlang des Tals und nicht allzu lange nach Mitternacht kehrte in Oppdal wieder Ruhe ein. Auch wir blieben nicht allzu lange auf, schließlich wollten wir alles Tageslicht zum Skifahren nutzen! Und das taten wir auch die nächsten beiden Tage.


Zurück in Trondheim war auch hier der Winter angekommen, es lag schon viel Schnee und fast täglich gab es eine Woche lang ununterbrochen Neuschnee. Am 7.1. reisten Tobi und Stefan wieder ab und für mich ging die Uni weiter. In dieser Zeit erreichte die Schneehöhe ihr Maximum mit mindestens einem Meter. Sogar auf der großen breiten E6 schafften es die schweren Lastwagen und Busse nicht, sich bis zum Asphalt durchzudrücken. Dann wurde es wärmer, während es weiter schneite. Durch den zig Zentimeter hohen nassen Schnee mit Rührteig-Konsistenz mit matschigen Spurrillen war es selbst mit meinen tollen Spikes-Reifen einfach unmöglich, vorwärts zu kommen und ich musste schieben, was auch nicht gerade einfach war. Am Tag darauf war es mindestens genau so schlimm und ich beschloss, den Bus zu nehmen. Damit brauchte ich vom Krankenhaus zur Kletterhalle auf dem Berg allerdings 1h45min für 6-7km. Selbst zu Fuß wäre schneller gewesen! Ab und zu stieg ich auch aus und lief weiter, wenn sich ein Bus komplett festgefahren hatte und nahm dann einen oder zwei Busse früher, die ich zu Fuß spielend einholte. Doch die standen am nächsten Hügel meist wieder. Und was haben wir daraus gelernt? Mit dem Rad geht es immer noch am schnellsten, gerade bei widrigen Umständen.



Heute fuhr ich zum ersten Mal Skilanglauf! Geradeaus und bergauf war kein Problem, bergab aber furchtbar! Schaffte es zwar ohne Fallen, aber es muss ziemlich beschränkt ausgesehen haben... Hatte das Gefühl, mir einen großen Wackelpeter unter die Füße geschnallt zu haben. Bei jeder Abfahrt, bei der ich vergaß, dass ich keine Alpinskier fuhr und einfach zu lenken versuchte, wurde ich umgehend mit Gleichgewichtsverlust bestraft und hielt mich nur mit zwanghaften, reflexartigen Bewegungen wie beim St. Veitstanz knapp auf den Beinen. Langlaufskier sind nämlich absichtlich so konstruiert, dass man damit nicht einfach lenken kann. Selbstverständlich könnte man sie einfach mit scharfen Kanten bauen, aber das wäre natürlich langweilig, weil man dann als Alpinskifahrer relativ schnell damit lenken lernen könnte, die Erfinder ihren Sadismus gar nicht befriedigen könnten und die Zuschauer auch weniger Spaß hätten. Ist ja schließlich auch eine ganz lustige Idee, einen Skityp zu erfinden, der mit annähernd genauso wenig Reibung zur Seite wie geradeaus fährt. Aber damit werde ich mich wohl abfinden und es einfach lernen müssen! Spaß macht es schließlich.

Vor ein paar Tagen kaufte ich mir im Supermarkt ein Shampoo, zumindest dachte ich das. Bei der ersten Anwendung fand ich jedoch eine eklige cremige Emulsion in meinen Händen und dann Haaren, die mir nicht unbedingt dieses schöne Saubere-Haare-Gefühl einbrachte, sondern eher das Gegenteil. Entsetzt las ich die Gebrauchsanweisung und wurde belehrt, dass es kein Shampoo sei, sondern ein "Balsam", das man nach dem Waschen mit Shampoo in die Haare schmieren sollte, um es dann wieder abzuspülen. Vielmehr hatte ich aber das Gefühl, nach diesem "Balsam" mein Haar mit anständigem Shampoo wieder davon befreien zu müssen. Überhaupt, warum sollte man sich so etwas in die Haare schmieren? Ist doch albern.
Elisabeth erklärte mir, dass es eine "Spülung" sei. Da bei meiner Toilette eine solche aber schon integriert ist, benötigte ich sie nicht und durfte sie bei Elisabeth gegen ein richtiges Shampoo eintauschen. Letzteres trägt die grüne Beschriftung "Weightless Shampoo", worüber ich mich kräftig amüsierte. Ich ließ die Flasche los und sie fiel zu Boden. Da merkt doch jeder wirklich sofort, dass das erstunken und erlogen ist! Oder liegt es nur an der Flasche? Hab das Zeug noch nicht ausprobiert. Wer weiß, vielleicht wabert es nach dem Herausdrücken quer durch die Dusche?